Beste Aussichten: Mit Betty Heidler auf dem Montjuic

Betty Heidler während der Leichtathletik-EM in Barcelona © Thomas Luerweg Fotograf: Thomas Luerweg
große Bildversion anzeigen Holte in Barcelona Gold: Betty Heidler.

Wir müssen anhalten. Immer wieder. Die Besucher des Montjuic bitten um Fotos, Autogramme, ein kurzes Gespräch. Betty Heidler ist daran gewöhnt. Man erkennt die Hammerwerferin, die 2007 Weltmeisterin in Osaka und im vergangenen Jahr Zweite bei der Heim-WM in ihrer Geburtsstadt Berlin wurde. Seit Freitagabend ist sie auch Europameisterin. In Barcelona katapultierte sie den Hammer auf die Saison-Bestweite von 76,38 m und siegte damit vor Titelverteidigerin Tatjana Lysenko (Russland, 75,65) und Weltrekordlerin Anita Wlodarczyk (Polen, 73,56). Nach Feierlichkeiten und Siegerehrung am Tag danach hat sie am Sonntag Zeit, die katalanische Metropole zu genießen. Jene Stadt, die sie so sehr schätzt. Wegen des Wetters, des Hafens, des Flairs und vor allem der berühmten Architektur. "Barcelona ist so abwechslungsreich, hier ist immer was los", schwärmt die Frankfurterin.

Berg- und Talfahrt in den vergangenen Jahren

Betty Heidler und Petra Lammert in Barcelona © Thomas Luerweg Fotograf: Thomas Luerweg
große Bildversion anzeigen Gut gelaunt in der Gondel: Betty Heidler und Petra Lammert.

Wir fahren mit der Gondel auf den 173 m hohen Hausberg der EM-Stadt, auf dem auch das Olympiastadion thront. Im Schlepptau Kugelstoßerin Petra Lammert, die sich mit Heidler ein Zimmer im Athletenhotel teilt und trotz langwieriger Ellbogenverletzung hier Sechste wurde. Betty Heidler hat Höhenangst. Aber nur ganz wenig. Petra Lammert ist das Geschaukel gleich. Sie plant demnächst einen Fallschirmsprung. Die Stimmung ist gelöst, das Werfer-Duo genießt den fantastischen Ausblick über die Stadt und den Hafen. "Das ist so ziemlich das Einzige, das ich in Barcelona noch nicht gemacht habe", sagt Heidler, und wir sind froh, dass wir der Europameisterin eine Freude machen können. Schon einmal waren wir gemeinsam unterwegs, besuchten bei den kontinentalen Titelkämpfen vor vier Jahren in Göteborg eine Picasso-Ausstellung. Sportlich lief es für sie allerdings in der schwedischen Hafenstadt nicht rund. Mit 70,98 m blieb sie als Fünfte unter ihren Möglichkeiten. Ein Jahr später dann der große Triumph mit dem WM-Sieg in Osaka - und der erneute Absturz mit Platz neun bei den Olympischen Spielen in Peking im Folgejahr.

"Mich kann nichts mehr schocken"

"Ich habe alles mitgenommen, was nur ging. Positives und Negatives. Dadurch bin ich auch ganz schön gereift", konstatiert Heidler. Wie wahr. Souveräner, selbstsicherer und dadurch auch konstanter ist die 26-Jährige geworden. "Der Faktor Erfahrung spielt bei mir die größte Rolle. Aus den Negativerlebnissen habe ich so viel mitgenommen. Jetzt kann mich eigentlich gar nichts mehr schocken", berichtet sie. Das zahlte sich schon im Vorjahr in Berlin aus: Mit 77,12 m holte sie hinter Wlodarczyk, die an selber Stelle Weltrekord warf, mit deutscher Rekordweite Silber. In ihrer emotionalen Skala der größte Erfolg noch vor dem WM-Titel in Osaka und dem EM-Triumph in Barcelona. "Weil das am schwierigsten war. Bei einer Heim-WM, in der eigenen Stadt, steht man ganz anders im Fokus der Öffentlichkeit. Man freut sich drauf, ist aber eben auch sehr angespannt."

Abheben kommt nicht in Frage

Betty Heidler mit Fans © Thomas Luerweg Fotograf: Thomas Luerweg
große Bildversion anzeigen Erkannt: Touristen lassen sich mit der Hammerwerferin ablichten.

Heidlers positive Entwicklung in den vergangenen beiden Jahren ist Ergebnis akribischer Arbeit, aber auch großer Selbstreflexion. Die Polizeiobermeisterin und Jura-Studentin besticht durch ihre freundliche, ausgeglichene Art, von Allüren keine Spur. "Ich habe ein gutes Umfeld mit Freunden und Familie - und auch Petra dabei, die glaube ich ausrasten würde, wenn ich mit irgendwelchen Allüren daherkäme", sagt sie und foppt ihre Zimmerkollegin: "Manchmal macht sie es auch, ohne dass ich Allüren habe." Abheben, das kommt für die Frau von der LG Eintracht Frankfurt nicht in Frage: "Als Sportler kann ich eben eine Sache ziemlich gut. Aber das gibt mir noch lange nicht das Recht, arrogant zu sein oder mir alles zu erlauben."

"Bleibe auch gerne unentdeckt"

Betty Heidler und Panorama-Aussicht auf Barcelona © Thomas Luerweg Fotograf: Thomas Luerweg
große Bildversion anzeigen Durch Routine zur Gelassenheit: Betty Heidler ruht in sich.

Ein sympathischer Wesenszug, den auch die Menschen auf dem Montjuic bemerken. Freundlich plaudert Heidler mit den Leichtathletik-Fans, sofern die Sprachbarriere es zulässt: "Ich genieße schon die Aufmerksamkeit für den Augenblick, man fühlt sich dann auch geehrt. Aber ich habe auch kein Problem, unentdeckt zu bleiben. Das ist mir sogar noch lieber", sagt sie. Nur wenn es darum geht, etwas für ihre zuweilen noch etwas stiefmütterlich behandelte Disziplin zu tun, nutzt die Olympia-Vierte von 2004 ihre Popularität. Wie zuletzt bei einem Meeting in Cottbus, wo sie sich - mit bislang offenem Ergebnis - dafür stark machte, dass der Hammerwurf künftig im Hauptprogramm stattfindet. "Alles in allem", so sagt sie, "werden die Hammerwerfer mittlerweile aber schon mehr und besser wahrgenommen. Ich habe gehört, dass ich nach meinem Sieg hier in Deutschland auf vielen Titelseiten war. Das hätte ich mir nie träumen lassen, dass das irgendwann einmal der Fall sein wird."

80 m und Olympia-Medaille das Ziel

Möglich, dass das künftig noch häufiger geschieht. Die deutsche Meisterin, die sich in diesem Jahr zum sechsten Mal in Folge den nationalen Titel sicherte, hat noch große Ziele. Nicht zuletzt ihr Frankfurter Autokennzeichen zeugt davon. Ihre Initialen und die Ziffer 8001 zieren das Blechschild - und deuten die Richtung: Über 80 m soll es gehen. Eine Weite, wohl gleichbedeutend mit Weltrekord, der derzeit bei 78,30 m steht. "Ich bin da schon relativ nah dran", so Heidler: "Es sind nur noch Nuancen, die technisch fehlen." Auch bei den Olympischen Spielen in London in zwei Jahren will sie natürlich wieder für Furore sorgen: "Ich glaube, dass vom Alter, von der Leistungsentwicklung und von der Erfahrung her eine Medaille drin ist." Die Aufmerksamkeit und die Schlagzeilen - spätestens dann gehören sie wieder ihr.

Autorin/Autor: Bettina Lenner (Text) und Thomas Luerweg (Fotos), sportschau.de
Stand: 01.08.2010 21:00
Bilderstrecke
Betty Heidler (l.) und Petra Lammert während der Leichtathletik-EM in Barcelona © Thomas Luerweg Fotograf: Thomas Luerweg

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