46 Entscheidungen mit Athleten aus 44 Nationen an nur sechs (statt wie zuvor acht) Tagen auszutragen, war das organisatorische Novum der 17. Europameisterschaften im Budapester Nepstadion vom 18. - 23. August 1998. Der gestraffte Zeitplan erwies sich unter dem Strich aber als Gewinn für Athleten, Publikum und die Leichtathletik. Die Deutschen feierten am Schlusstag das wohl überraschendste Gold - durch Nils Schumann. Der Junioren-Europameister des Vorjahres vom thüringischen SC Großgottern hatte seine Ambitionen für den Endlauf keck formuliert: "Wenn ich laufe, will ich auch gewinnen." Gesagt - getan. Favorit und Weltrekordler Wilson Kipketer war nach einem Body-Check eingangs der Zielgeraden aussichtslos zurückgefallen. Alle übrigen Finalisten hatten gegen Schumanns langgezogenen Endspurt keine Chance. Ein ähnlicher Coup war dem zuvor nur Insidern bekannten Damian Kallabis (Berlin) über 3.000 m Hindernis gelungen. Der 25-jährige "Nobody", von 10.000-m-Bronzemedaillengewinner Stéphane Franke betreut, wagte fünf Runden vor Schluss einen Überraschungsangriff, setzte sich an die Spitze des Feldes - und blieb dort bis ins Ziel.
Gold holten außerdem die deutsche Werfer-Gilde mit Franka Dietzsch (Neubrandenburg) und Lars Riedel (Chemnitz) im Diskuswerfen sowie Tanja Damaske (Berlin) im Speerwerfen, Grit Breuer (Magdeburg) über 400 m Einzel und mit der Staffel und die große Heike Drechsler (Erfurt), die ihrer unvergleichlichen Titelsammlung EM-Gold Nummer vier in Folge - und damit die 25. Medaille insgesamt bei internationalen Meisterschaften - hinzufügte. Mit insgesamt 23 Medaillen (8 Gold, 7 Silber, 8 Bronze) und 55 Endkampf-Platzierungen festigten die Deutschen Europas Führungsrolle in der Nationenwertung. Unvergessen: der britische Hürdensprinter Colin Jackson. Der Weltrekord-Weltmeister von Stuttgart 1993 holte 31-jährig Titel Nummer drei nach Helsinki 1994 und Split 1990.
Viele Zuschauer und ein Teil der schreibenden Zunft saßen in Helsinki buchstäblich im Regen, als die 16. Europameisterschaften vom 7. - 14. August 1994 im Olympiastadion von 1952 über die Bühne ging - mit Delegationen aus der Rekordzahl von 48 Ländern. Erstmals mussten es keine "Rekordmeisterschaften" mehr sein: "Ein immer breiter werdender Konsens förderte die Zustimmung zu einem neuen Weg in der internationalen Leichtathletik, bei dem die Chancengleichheit der Aktiven im Zentrum steht", bilanzierte Präsident Helmut Digel in der offiziellen DLV-Dokumentation zur EM.
Kein Rekord, aber perfekte Verdrängung gelang Schlussläuferin Silke Lichtenhagen im Endlauf der 4x100-m-Staffel. "Ich habe einfach versucht, nicht an sie zu denken", so Lichtenhagen, die dem Angriff der russischen Doppel-Europameisterin Irina Priwalowa zur großen Überraschung vieler "Experten" standzuhalten vermochte und das deutsche Quartett zu Gold führte. Am Schlusstag rannte auch "Schwabenpfeil" Dieter Baumann - zum eigenen Erstaunen - zum Sieg über 5.000 m. "Ich wollte nicht glauben, dass das Tempo so langsam war", skizzierte der damals 29 Jhare alte Olympiasieger von 1992 sein Glück, das eine verhärtete Wade in Baumanns Selbstwahrnehmung beinahe verhindert hätte. Drei weitere Goldmedaillen gingen auf das Konto international arrivierter Athletinnen: Ilke Wyludda im Diskuswerfen, Sabine Braun in einem spannenden Siebenkampf-Krimi, der erst im abschließenden 800-m-Lauf entschieden wird, und Heike Drechsler - zum dritten Mal in Folge - im Weitsprung. Unvergessen: Alain Blondel. Der französische Zehnkampf-Sieger eroberte auch die thüringische Weitsprung-Ikone und "verführte" sie noch im selben Jahr zu einem "Seitensprung" im Siebenkampf.
Zum Abschluss das Allerbeste. So präsentierte sich die Mannschaft der "Noch-DDR" bei ihrem letzten internationalen Auftritt vom 27. August bis zum 1. September 1990 im Gradtzki-Stadion von Split. Mit je zwölf Mal Gold und Silber sowie 10 Bronzemedaillen zeigten die "Blauhemden" bei den 15. Europameisterschaften noch einmal kollektive Stärke. Auf einer Ehrenrunde mit Demo-Charakter vor Beginn der eigentlichen Schlussfeier holten sie sich dafür Beifall und Anerkennung der Zuschauer ab. Dann wurden die beiden nationalen Fahnentücher miteinander verknotet, es gab eine weitere, diesmal gemeinsame Ehrenrunde - und die Reise nach Kroatien hatte einen wesentlichen Zweck erfüllt.
Sprinterin Katrin Krabbe, damals 20-jährig, avancierte mit Gold über 100, 200 und 4x100 m zur überragenden Athletin von Split - und eineinhalb Jahre später zur unehrenhaften Protagonistin im wohl größten Manipulationskandal der Leichtathletik seit Ben Johnson 1988. Mit ihren insgesamt sieben Medaillen schnitten die bundesdeutschen Athleten so schwach ab wie nie zuvor - Rang sechs sowohl im Medaillenspiegel wie in der Nationenwertung. Dass die Ausbeute an Höchstleistungen keinem Vergleich mehr mit früheren Titelkämpfen standhielt, war wohl dem Umstand geschuldet, dass nicht mehr so oft wie zuvor und nicht mehr überall der unlauteren Leistungssteigerung gefrönt wurde. Ein Sieg über die Geißel "Doping" war das allerdings nicht. Unvergessen: den Briten mit ihrem weißen Schlussläufer Roger Black gelang der einzige Europarekord - über 4x400 m; und ein Quartett schwarzer Franzosen verbesserte den Weltrekord der US-Boys über 4x100 m um vier Hundertstelsekunden auf 37,79.
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