Rückblick

2006: Göteborg - "Hier geht was"

Stabhochspringer Tim Lobinger © picture-alliance/ dpa Fotograf: Kay Nietfeld
große Bildversion anzeigen Gold verloren, aber Silber gewonnen: Stabhoch-Routinier Tim Lobinger hadert mit einem Fehlversuch.

An das Ullevi-Stadion in Süd-Schwedens Hafenmetropole hatte der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) vor der EM 2006 keine wirklich gute Erinnerung. Ganze sechs WM-Medaillen und nur 28 Endkampf-Teilnahmen hatten 1995 bei den fünften IAAF-Welttitelkämpfen der zuvor noch erfolgsverwöhnten wiedervereinigten deutschen Leichtathletik ein veritables Desaster bereitet, das lange unvergessen blieb. "Hier geht was" hatten daher die Team-Verantwortlichen um Leistungssport-Direktor Frank Hensel als Motto an die verjüngte Mannschaft mit vielen neuen Gesichtern ausgegeben. Youngstern wie Hürdensprinter Jens Werrmann und Routiniers wie Tim Lobinger zeigte sich denn auch tatsächlich ein "Teamspirit", wie er zuvor wohl noch nie vorgekommen oder wahrgenommen worden war. Jedem Athleten wurde das Gefühl gegeben, wichtiger Bestandteil der Mannschaft zu sein - eine Strategie, die gerade nach der Europacup-Pleite von Malaga ihre Wirkung nicht verfehlte und vor deren Hintergrund sich Erfolge wie Rang fünf im Zehnkampf durch den damals 21-jährigen Pascal Behrenbruch erklären.

Doppel-Gold im Langlauf

10.000-m-Europameister Jan Fitschen © picture-alliance / Sven Simon Fotograf: FrankHoermann/Sven Simon
große Bildversion anzeigen Wohl die DLV-Sensation dieser titelkämpfe: Jan Fitschen (Wattenscheid) rennt zu Gold über 10.000 m.

"Der Wettkampf ist erst nach Ralfs letztem Versuch zu Ende." Die Binsenweisheit von Bartels-Coach Gerald Bergmann sollte - nach den Erfahrungen von der EM 2002 in München und der WM 2005 in Helsinki - auch in Göteborg ihren Wahrheitsgehalt entfalten. Und wie! 34 Zentimeter fehlten dem Neubrandenburger Kugelstoßer vor dem letzten Durchgang an Edelmetall. 56 Zentimeter packte der 120-Kilo-Koloss im sechsten Final-Versuch drauf - und holte damit Gold am ersten Wettkampftag. War der Bartels-Sieg mit einiger Phantasie auch zuvor schon nicht undenkbar, verdiente das zweite DLV-Gold sicherlich das Prädikat "sensationell". Jan Fitschen legte am zweiten Tag nach. Unvergessen, wie der Wattenscheider im 10.000-m-Finale eine Runde vor Schluss auf und davon marschierte - Richtung Sieg in einer Disziplin, die von Skeptikern schon lange abgeschrieben war. Ulrike Maisch tat ihr Übriges. Am vorletzten Wettkampftag rannte die Rostockerin völlig überraschend zu Gold im Marathon.

Internationales Niveau fehlt öfters

Die Sensationssiege von Fitschen und Maisch machten Mut. Selten hat ein DLV-Team die "Papierform" so gut in die Realität umgesetzt: Gab es vor der EM 25 Athleten, die in Europa zu den acht besten ihrer Einzeldisziplin gehörten, waren es am Ende 33. Nur 13 scheiterten in Runde eins. Saisonbestleistungen durch ein Drittel der Einzeldisziplinen hat man zuvor nicht oft erlebt. Auch die Quote derer, die in Göteborg so gut waren wie nie zuvor, besitzt Seltenheitswert. Allerdings: Statt 19 Medaillen (2/9/8) wie in München gab es in Göteborg zehn (4/4/2) und nach 187 Punkten in der Nationenwertung (für Platz 1 - 8) 2002 diesmal 153, womit der DLV erneut Zweiter hinter den entrückten Russen war. Und: In neun unbesetzt gebliebenen Wettbewerben dokumentierte der DLV bereits vor den Titelkämpfen, dass er kein europäisches Format besaß. Deutschlands Leichtathleten waren in den Einzeldisziplinen des Sprints, den Mittelstrecken und in allen Sprüngen außer Stabhoch ohne internationales Niveau.

Rührender Abschied von Jan Zelezny

Speerwurf-Europameisterin Steffi Nerius © picture-alliance/ dpa Fotograf: Kay Nietfeld
große Bildversion anzeigen Im fünften Anlauf endlich das ersehnte Gold bei einer internationalen Meisterschaft: Steffi Nerius siegte im Speerwurf.

"Heja Schweden, mit guter Laune" - Speerwerferin Steffi Nerius überzeugte einmal mehr nicht allein mit der schon bekannten Kreativität bei der Auswahl ihres Stirnband-Spruchs. Fünfzehn Jahre nach ihrer ersten internationalen Medaille - Bronze bei den Junioren-Europameisterschaften 1991 im griechischen Thessaloniki - gelang der auf Rügen gebürtigen Leverkusenerin endlich auch der Wurf zu Gold. Der blieb ihrem Disziplin-Kollegen Jan Zelezny in Göteborg versagt. Der tschechische Weltrekordler holte, 19 Jahre nach seinem ersten WM-Auftritt 1987 in Rom, zum Abschluss einer von dreimal Olympia-Gold gekrönten legendären Karriere EM-Bronze. 15 nationale Rekorde sowie neun Meisterschafts-Bestleistungen, darunter die 9,99 Sekunden von Francis Obikwelu (Portugal) über 100 Meter, die 2,36 Meter des Russen Andrei Silnow im Hochsprung und die 2,03 Meter der Belgierin Tia Hellebaut sowie der später des Dopings überführten Bulgarin Wenelina Wenewa, notierten die Statistiker. Nachgewiesene Dopingfälle gab es in Göteborg nicht. Ob dies für größere Effektivität der Kontrollen spricht oder für geschickteres Vorgehen der Betrüger, sei dahingestellt.

Info

Zahlen zur EM 2006

Datum: 06.08. - 13.08.
Teilnehmer: 1.370
Nationen: 48
Zuschauer: ca. 300.000

EM-Statistik
EM-Statistik © NDR

EM-Statistik 2006

Medaillen, Namen und Rekorde.[mehr]

Bilderstrecke
Speerwurf-Europameisterin Steffi Nerius © picture-alliance/ dpa Fotograf: Kay Nietfeld

DLV-Medaillengewinner 2006

Zwei Hände voll Gold, Silber und Bronze für die deutschen Leichtathleten in Göteborg.[mehr]

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