Ist Dabeisein schon alles? Nicht für "Leichtathletik"-Chefredakteur Heinz Vogel, der in seiner Bilanz der 12. Europameisterschaften von Prag 1978 den "Weg in ein gefährliches Hinterherlaufen" erblickte. Gemeint hatte er vor allem die DLV-Frauen, von denen es über 100, 200, 400, 800, 1500 und 3.000 m nicht eine einzige unter die letzten Acht schaffte. Dass dennoch eine breite Sportöffentlichkeit versöhnlicher gestimmt war als nach den Titelkämpfen von Rom vier Jahre zuvor, lag wohl an den vier Goldmedaillen, die die (west-)deutschen Männer in der Woche vom 29. August bis zum 3. September einheimsten. 400-m-Läufer Franz-Peter Hofmeister stürzte nach einem denkwürdigen Rennen um die Stadionrunde fast ohnmächtig als Sieger ins Ziel. Für den 27-jährigen Diplom-Kaufmann und "gelernten" Sprinter, der auch mit der 4x400-m-Staffel zum Gold rannte, war Prag das Ende seiner Karriere.
Die rückläufigen Tendenzen seit den Europameisterschaften 1966 in Budapest (damals gewann der DLV 21 Medaillen) über Helsinki 1971 (17 Medaillen) und Rom 1974 (zwölf Medaillen) setzten sich fort. Deutlich überlegen präsentierten sich die Athleten der UdSSR und der DDR - vor allem bei den Frauen. "Von 48 Medaillen blieben dem Westen lediglich sieben", monierte Michael Gernandt in der "Süddeutschen Zeitung". Unvergessen: Der dramatische Sieg von Sara Simeoni (Italien) im Hochsprung, die von Rosemarie Ackermann (Cottbus) nach drei Stunden währendem Kampf zur Einstellung ihres eigenen Weltrekordes von 2,01 m getrieben wurde.
Die bundesdeutsche Leichtathletik sei nun nur die kleinste unter den großen, resümierte der "kicker" die heißen Tage bei der 11. EM vom 2. bis 8. September 1974 im Olympiastadion von Rom. Einen einzigen Sieg brachte die rund siebzigköpfige Mannschaft aus der italienischen Hauptstadt zurück, was DLV-Präsident August Kirsch zur Ankündigung einer harten Zäsur im Zusammenhang mit den bisherigen Formen der Trainingsarbeit veranlasste. Nur der Stuttgarter Karl Honz wusste in einem couragierten Rennen über die Viertelmeile die hoch gesteckten Erwartungen des DLV zu erfüllen. Mit der 4x400-m-Staffel rannte Honz - berüchtigt für seine Fähigkeit, sich bis zum Letzten auspumpen zu können - auch noch zu Silber.
Bei den Frauen dominierten die "Blauhemden" aus der DDR. Über 4x100 m stellten Doris Maletzki, Renate Stecher, Christina Heinich und Bärbel Eckert in 42,51 Sekunden einen Weltrekord auf - 24 Hundertstel vor dem DLV-Quartett Elfgard Schittenhelm, Annegret Kroniger, Annegret Richter und Inge Helten, das in neuer (west-)deutscher Rekordzeit auf den Silberrang rannte. Ebenfalls Weltrekord bot die junge Rosemarie Witschas mit 1,95 m im Hochsprung - zwanzig Zentimeter über ihrer eigenen Körpergröße. Unter ihrem Ehenamen Ackermann war die Straddle-Virtuosin später die erste Zweimeter-Springerin der Welt. Und noch ein Weltrekord "made in (East) Germany": die 67,22 m von Ruth Fuchs im Speerwurf. Unvergessen: die elegante Polin Irena Szewinska(-Kirszenstein). Bereits 28-jährig, bezwang sie Doppel-Olympiasiegerin Renate Stecher (Jena) über 100 und 200 m.
In die Stadt der kurzen Wege und vorbei an der Statue von Finnlands Läufer-Legende Paavo Nurmi vor dem Olympiastadion führten die 10. Europameisterschaften vom 10. bis 15. August 1971. Es wurden - nach Ansicht von "Leichtathletik"-Chefredakteur Heinz Cavalier - die bis dahin schönsten. Wohl auch, weil drei der fünf Goldmedaillen für die (west-)deutschen Athleten buchstäblich in letzter Minute gewonnen wurden. Fünfkämpferin Heide Rosendahl bezwang im Duell "Schönheit gegen Kraft" ihre Potsdamer Herausforderin Burglinde Pollak im abschließenden 200-m-Rennen. Ingrid Mickler-Becker entriss im letzten Durchgang des Weitsprungs der Schweizer Fünfkampf-Olympiasiegerin von 1968, Meta Antenen, das schon sicher geglaubte Gold. Und Uwe Beyer hatte zuvor im letzten Durchgang des Hammerwerfens Gold geholt, mit 56 cm Vorsprung auf Reinhard Theimer (DDR).
Zu den insgesamt fünf Siegen der bundesdeutschen Mannschaft kamen noch sieben zweite und fünf dritte Plätze hinzu. Damit war die Mannschaft des DLV unter den west- und nordeuropäischen Teams die leistungsstärkste, in der Medaillenstatistik und in der Nationenwertung gleich hinter DDR und UdSSR. Drei Welt-, zwei Europa- sowie zwei DLV-Rekorde ließen Helsinki - damals noch zu Zeiten wenig ernst genommener Doping-Kontrollmechanismen - in einem Glanz erstrahlen, an dem sich nicht nur die Ausrichter länger wärmen konnten. Unvergessen: Europas bester Sprinter seit Armin Hary - der Russe Waleri Borsow. Ein Jahr vor seinem olympischen Doppel-Triumph von München sicherte sich der damals 21-Jährige auch in Helsinki zweimal Gold - über 100 und 200 m.
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