Hart wie - Stahl. Schnell wie - Sailer. Abgeklärt wie - Heidler. Nur drei von insgesamt 16 deutschen Medaillen-Gewinnern bei den 20. Europameisterschaften in Barcelona. Die ist nun Geschichte. Sechs Tage in der katalanischen Metropole, in der die Leichtathletik 47 Europameister feierte, die feurigen Gastgeber aber selten diesen Sport. Leere auf den Rängen, Ignoranz auf den Straßen: Massen zog das größte kontinentale Sport-Event des Jahres nicht in seinen Bann. Spanien kennt Nadal, Barcelona den FC, doch das Olympiastadion auf dem Montjuic schien manchmal wie vergessen.
18 Jahre nach den Olympischen Spielen 1992 rückte die Arena mit Bildern in den deutschen Fokus, die unvergessen bleiben: damals ein goldener Abend mit Heike Henkel und Dieter Baumann, diesmal ein dreifacher Medaillen-Triumph durch Verena Sailer, Linda Stahl und Christina Obergföll binnen weniger Minuten. Das Sprint-Speer-Trio sorgte für eine Initialzündung nach zuvor zwei medaillenlosen Tagen, der weiteres Edelmetall folgte. Spiegelburg, Ryzih, Heidler, Schlangen, Bartels, Oeser, Nytra, de Zordo. Und zum Schluss noch die Staffeln, Harting, Friedrich und Christian Reif, der bei seinem EM-Gold mit Jahresweltbestleistung von 8,47 m auftrumpfte. Mit 16 Medaillen (4/6/6) - fünf davon am "Goldenen Sonntag" - lieferte das junge deutsche Team nicht nur ein klar besseres EM-Resultat als zuletzt in Göteborg (4/4/2). Es übertraf sogar das Ergebnis der ersten gemeinsamen Mannschaft nach der Wiedervereinigung bei der EM 1994 in Helsinki (14) und platzierte sich sowohl im Medaillenspiegel wie in der Nationenwertung auf Rang vier hinter Russland, Frankreich und Großbritannien. "Wir sind enttäuschend gestartet und haben mit Überraschungen aufgehört", resümierte der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), Clemens Prokop. "Wenn man so viele Medaillen gewinnt, kann man nur sagen: Ziel erreicht!" Positiv war außerdem: In Runde eins gab es so wenig Ausfälle wie selten (12). Das Wichtigste aber lässt sich nicht in Zahlen messen. Deutschlands Leichtathletik hat endlich wieder neue Identifikationsfiguren. Athleten wie Reif, Siegerinnen wie Sailer oder Medaillengewinnerinnen wie Spiegelburg und Nytra geben der gelegentlich antiquiert wirkenden Sportart ein neues Profil.
"Wir hatten schon in Berlin die jüngste Mannschaft, die je bei einer WM war, und auch hier haben wir mit einem Durchschnittsalter von 25,9 Jahren wieder die Mannschaft der Zukunft. Sie hat durchgängig Perspektive für London 2012", frohlockte Prokop. "Dort und auch bei der WM 2011 im südkoreanischen Daegu wollen wir auf dieser Erfolgsebene weitermachen." Doch darf der Verband im Glanz des Edelmetalls nicht nachlassen, sein Förderkonzept für den Nachwuchs zu optimieren. Nicht umsonst bohrte Diskus-Weltmeister Robert Harting mit der Forderung nach Förderung seines jüngeren Bruders in einer Wunde, die weiterer Behandlung bedarf. Typen wie Linda Stahl mit Überraschungs-Gold im Speerwurf und Carsten Schlangen mit Sensations-Silber über 1.500 m stehen für eine Generation eigenverantwortlicher junger Leute, die die Doppel-Belastung von Leistungssport und Berufsausbildung offensichtlich geschickt unter einen Hut bringen und die geistigen Belastungen eines Studiums als unverzichtbaren Ausgleich zur körperlichen Trainingsarbeit betrachten. Diese Erkenntnis gehört weiter verbreitet, damit für das "Team der Zukunft" nach Olympia 2012 die Lichter nicht ausgehen.
Für London scheint das deutsche Team gerüstet. "Wir haben den Kern der Olympia-Mannschaft gesehen", sagte DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen. Zu der noch eine Reihe von guten Athleten dazustoßen dürften, die diesmal verletzungs- oder studienbedingt zu Hause bleiben mussten: etwa der Hochsprung-WM-Dritte von Berlin, Raul Spank, Weitsprung-Hallen-Europarekordler Sebastian Bayer oder die Mehrkämpfer Pascal Behrenbruch und Lilli Schwarzkopf. Sailers Sprint-Gold und Schlangens 1.500-m-Silber hauchten der schon x-Mal totgesagten Lauf-Abteilung des DLV neues Leben ein. "Der Sprinterfolg sollte die Signalwirkung haben: Man kann mit starker europäischer Konkurrenz mithalten", so Kurschilgen. Dennoch sei unbestritten: "Die Situation im Langlauf muss deutlich verbessert werden." Wie es funktionieren kann, machten Frankreich und sein neuer "Wunder-Sprinter" Christophe Lemaitre vor. Der schmächtige 20-Jährige rannte der Konkurrenz über 100 und 200 Meter auf und davon und führte auch die 4x100-m-Staffel des Tricolore-Teams zu Gold. Damit schaffte der Student der Elektrotechnik als erster Sprinter der EM-Geschichte das Triple. "Die Franzosen und Briten haben im Lauf zugelegt. Da müssen wir genau hinschauen, wie sie es machen", sieht Prokop, der im eigenen Verband eine "Lauf-Offensive" gestartet hat, Lernbedarf.
Nach außen hin ruhig blieb es in Barcelona beim Thema Doping. Die Spanier, laut ihrem stellvertretenden Sportminister Albert Soler null-tolerant in dieser Frage, sind allerdings bekannt für ihren eher defensiven Umgang mit dem heiklen Thema - wie die seit vier Jahren schwelende Affäre Fuentes belegt. Zwar soll gegen den mutmaßlichen Doping-Doktor aus Madrid, zu dessen Kunden beileibe nicht nur Radsport-Stars wie Jan Ullrich gehört haben dürften, im kommenden Jahr ein Urteil gesprochen werden. Wem aber die rund 100 Blutbeutel, die bei Fuentes gefunden wurden und noch im Anti-Doping-Labor in Barcelona lagern, zuzuordnen sind, bleibt unklar. "Starke Maßnahmen wurden ergriffen, um dopingfreie Meisterschaften zu sichern", heißt es pauschal in einer Pressemitteilung des Europäischen Leichtathletik-Verbandes. Und: "Sowohl Urin- wie Blutproben werden während der Veranstaltung genommen." Konkrete Zahlen lieferte nur Kurschilgen: "Ich kann nur sagen, dass wir im Trainingslager in Kienbaum vor der EM siebenmal kontrolliert wurden. Und in Barcelona ist Sabrina Mockenhaupt am Morgen ihres 10 000-m-Finals getestet worden", so der Sportdirektor. "Ich betreibe ansonsten keine Spekulationen. Dass die Wettkampfbedingungen ungleich sind, weiß man. Es liegt auch an den unterschiedlichen Doping-Kontrollsystemen in den Ländern." Rund ein halbes Dutzend leistungssteigernder Medikamente waren im Vorfeld der WM 2009 auf dem Schwarzmarkt im Umlauf, ohne dass es seinerzeit rechtsfeste Tests darauf gegeben hätte. Es besteht wenig Grund zu der Annahme, dass sich die Situation bis zum Start der EM 2010 grundlegend geändert hätte.
Echte Skandale blieben in Barcelona Mangelware. Ein "Hingucker" waren allerdings die Messungen der Kampfrichter im Kugelstoß-Sektor. Mehr als einmal konnte sich der Zuschauer des Eindrucks nicht erwehren, dass den Herren der Messgeräte eine Sehhilfe gut zu Gesicht gestanden hätte.
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Bereits in zwei Jahren steht die nächste EM an, in Helsinki, vier Wochen vor den Olympischen Spielen. (Meldung vom 02.08.2010)[mehr]
Der Chef des Organisationskomitees Barcelona 2010 zieht Bilanz. (Interview vom 30.07.2010)[mehr]
"Es ist schwierig, ein so großes Stadion zu füllen."
Länge: 03:17 Minuten
Zwischen Olé und Oje lagen bei dieser EM manchmal nur ein Wimpernschlag, ein Katzensprung oder eben ein Buchstabe.
Länge: 2:40 Minuten
Das nächtliche Abschluss-Feuerwerk passte perfekt zur Abschiedsvorstellung der deutschen Leichtathleten. (Autor: Martin Roschitz)
Länge: 2:39 Minuten
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