Europas Leichtathletik muss hart um mehr Aufmerksamkeit kämpfen. Das haben die kontinentalen Titelkämpfe in Barcelona gezeigt. Auf den Zuschauerrängen im Olympiastadion klafften oft große Lücken. Auf dem Weg in eine bessere Zukunft scheuen die Verantwortlichen selbst die Konkurrenz der Olympischen Spiele nicht. Statt alle vier Jahre werden die Europameisterschaften zukünftig im Zwei-Jahres-Rhythmus ausgetragen. Nächster EM-Schauplatz ist vom 27. Juni bis 1. Juli 2012 Helsinki - vier Wochen vor den London-Spielen. "Wenn es eine EM der B-Mannschaften wird, scheitert das Projekt", erklärte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). "Wenn sie so etwas wie die europäischen Trials werden, ist das Konzept aufgangen." Die EM also als medienwirksame Generalprobe für das größte Sportereignis der Welt.
Für die Athleten ist die verdoppelte Chance, EM-Meriten zu sammeln, Reiz und Risiko zugleich. "Alle zwei Jahre eine EM gibt es auch in anderen Sportarten", sagte Silke Spiegelburg, die Zweite im Stabhochsprung von Barcelona. "Man muss sehen, ob man sich ausschließlich auf Olympia konzentriert oder nicht." Ihr Stabhochsprung-Kollege Fabian Schulze hält Olympia und EM für vereinbar. "Zweimal in Hochform zu sein, ist schwer, aber ich denke, man kann's", sagte er. EM-Teamkapitän Ralf Bartels glaubt eher, dass die Spiele an der Themse 2012 das Topthema sein werden. "Ich denke, dass die Priorität auf den Olympischen Spielen liegen wird und die EM als Vorbereitungswettkampf dient."
Um die Sportler allein geht es bei der Reform nicht. "Der Reiz der Leichtathletik kommt von den Meisterschaften. Golden- oder Diamond-League-Meetings produzieren nicht so eine große Wahrnehmung", argumentiert Prokop. Da der Europäische Leichtathletik-Verband (EAA) ausschließlich von Fernseh- und Marketing-Einnahmen lebt, muss er attraktive Produkte haben. "Ein Höhepunkt alle vier Jahre ist nicht genug", erklärte EAA-Präsident Hansjörg Wirz. "Kein Verband kann von der Tradition leben." Nach vier Jahren wisse doch keiner mehr, was eine EM der Leichtathleten sei. "Und deshalb brauchen wir für Europa diesen einen Wettkampf mehr", so der Schweizer, der schon den einstigen Europacup zur Team-EM aufgewertet hat. "Nun haben wir in Europa zwei große Titelkämpfe pro Jahr."
Dass der Startschuss für das Prestigeprojekt von Wirz 2012 fällt, ist ein doppeltes Wagnis. Die EM in Helsinki beginnt nicht nur einen Monat vor den Sommerspielen in London (27. Juli bis 12. August), sondern kollidiert auch mit der letzten Woche der Fußball-EM. Das Endspiel des Kicker-Spektakels in der Ukraine und Polen wird am 1. Juli angepfiffen, am Schlusstag der Leichtathletik-EM. Das Argument, mit der Verdoppelung der EM-Titelkämpfe den Athleten eine Plattform zu bieten, die auf internationaler Ebene in ihren Disziplinen chancenlos sind, hält Helmut Digel auch für gefährlich. "Europa muss mehr unternehmen, um bei WM und Olympischen Spielen auf den Plätzen eins bis acht erfolgreich zu sein", forderte das deutsche Mitglied im Council des Weltverbandes IAAF.
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