Vielleicht was es das "Schlangen"-Tempo. Schnell war das Feld im 1.500-m-Finale nicht unterwegs. Gut für Carsten Schlangen. Er wusste: Auf seinen Spurt konnte er sich verlassen. Was zu bewundern war. Bissig, willensstark und mit den letzten Energien schlängelte er sich mit langem Hals ins Ziel - zur Sensations-Silbermedaille. 3:43,52 Minuten reichten am Freitagabend zum größten Erfolg seiner Karriere. "Es war total surreal. Im Bus fielen alle Scheuklappen runter. Das lief ab wie im Film", schilderte der 29-Jährige von der LG Nord Berlin. "Ich wusste, von Platz eins bis sechs war alles möglich. Ich habe mir gewünscht, dass es so ein taktisches Rennen wird", freute sich der gebürtige Emsländer aus Meppen. Den Spanier Arturo Casado (3:42,74 Minuten) konnte er trotz seines starken Endspurts nicht mehr einholen, aber dessen Landsmann Manuel Olmedo um zwei Hundertstelsekunden hinter sich lassen.
Die Lauf-Karriere von "Spätzünder" Schlangen, der erst im 26.Lebensjahr mit dem Leistungssport begann, und war bis zur EM keine Erfolgsstory - und das vergangene Jahr ähnelte mehr einem Hindernisrennen. Sein EM-Debüt 2006 in Göteborg war blamabel und auch bei der Heim-WM in Berlin schied er sang- und klanglos im Vorlauf aus. Wie sich später herausstellte, war dies aber auch einem Ermüdungsbruch geschuldet. "Nach der Frustration und der Verletzung habe ich mich gefragt, ob es noch Sinn macht, an mich zu glauben", sagte der deutsche Meister. Hinzu kam, dass seine Trainingsgruppe bei der LG Nord Berlin vor der Auflösung stand und sein damaliger Ausrüster den Vertrag kündigte. Vorbild in dieser Sportler-Krise war sein Freund Jan Fitschen, der 2006 unerwartet 10 000-Meter-Europameister wurde und fast vier Jahre verletzungsbedingt in der Versenkung verschwand. Auch er kam zurück, qualifizierte sich für die EM und wurde Zwölfter.
"Ich habe aus den Rückschlägen gelernt", meinte der Architekturstudent nach seiner taktischen Reifeprüfung im Silber-Lauf. Außerdem überraschte er mit einer beachtlichen Spurtfähigkeit auf der Zielgeraden. "Ich habe viel Sprinttraining auf dem Rasen des Volksparks Friedrichshain gemacht", berichtete Schlangen, der zwar intensiv, aber nicht exzessiv trainiert hat. "Ich habe außergewöhnlich wenig Kilometer gebolzt." Womöglich hat sich auch die wieder stärkere Fokusierung auf sein Studium, wo er in den vergangenen Monaten viel an seiner Diplomarbeit schrieb, positiv ausgewirkt. "Das bietet mir eine gute Abwechslung", meint Schlangen, der nach seinem EM-Coup nun viel gelassener in die Zukunft blickt. Und nun die Spiele 2012 ins Auge fasst. "Kann sein, dass dieser zweite Platz mein größter Erfolg bleibt. Aber bei Olympia will ich es trotzdem noch einmal wissen."
Der Berliner Karsten Schlangen holt in Barcelona überraschend die Silbermedaille über die 1.500 m. (Meldung vom 30.07.2010)[mehr]
Ohne Schnelligkeit, Durchhaltevermögen und Cleverness geht nichts auf den dreidreiviertel Runden.[mehr]
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