Zwei große Sportler-Karrieren sind in Berlin zu Ende gegangen - auf sehr unterschiedliche Weise. Speerwerferin Steffi Nerius verabschiedete sich mit Gold, für Diskus-Ikone Franka Dietzsch kam das Aus schon in der Qualifikation. Die beiden scheidenden Werferinnen über Abschiede, Emotionen und Perspektiven.
sportschau.de: Sie sind beide nach langen und erfolgreichen Karrieren in Berlin von der großen Bühne abgetreten. Wie schwer fällt es, loszulassen?
Dietzsch: Gar nicht schwer. Es zwingt uns ja keiner, wir machen das freiwillig. Mir gefällt der Gedanke immer besser. Ich bin jetzt ganz froh, dass es vorbei ist. Wenn es hier sehr gut gelaufen wäre, hätte ich mir sogar nochmal überlegt, weiterzumachen. Aber nach der Qualifikation - und eigentlich schon vorher - stand meine Entscheidung fest. Mit fällt nur eins schwer: Dass ich mich verabschiede mit einer Leistung, die eigentlich nicht meinem Niveau entspricht. So schlecht bin ich nicht. Aber das ist jetzt eben so. Und eigentlich ist es deshalb sogar leichter, loszulassen.
Nerius: Es ist alles perfekt so. Ich habe schon am Anfang der Saison gesagt, das ist das letzte Jahr. Nun ist es einfach das geilste Jahr gewesen in meiner sportlichen Karriere. Ich finde super, dass ich so aufhören kann.
sportschau.de: Also kein emotionaler Kater?
Dietzsch: Das kommt sicherlich noch bei meinem letzten Wettkampf. Bei der wirklich großen Verabschiedung im September. Im Moment ist es mehr Erleichterung, dass es hier auf dieser großen Bühne vorbei ist.
Nerius: Für mich ist es wirklich so, dass ich so ein Jahr einfach jetzt beende und dass es der schönste Moment ist, um aufzuhören. Deswegen verspüre ich kein bisschen Wehmut.
sportschau.de: Sie waren immer Zimmerkolleginnen, auch hier in Berlin. Wie haben Sie den Wettkampf des anderen erlebt?
Nerius: Ich habe in Kienbaum gesehen, wie Franka dort geworfen hat. Ich hatte schon das Gefühl, dass sie auf jeden Fall durch die Quali kommt mit 62. Dann hätte man sagen können: 'So, ich hab' hier nochmal einen schönen Wettkampf gemacht.' Egal, ob mit Medaille oder nicht. Ich dachte aber auch, wenn sie ein bisschen Glück hat, dann trifft sie nochmal einen und wirft vielleicht eine 64 oder 65. Und gewinnt mit ganz viel Glück sogar eine Medaille. Ich war dann schon ein bisschen traurig, dass sie in der Quali rausgeflogen ist.
Dietzsch: Ich wusste, dass Steffi gewinnt. Ich habe zu meinem Trainer (Dieter Kollark, d.Red.) schon Wochen vorher gesagt, Weltmeisterin wird Steffi. Er hat gesagt, 'Du spinnst'. Ich habe ihn dann direkt nach dem Wettkampf angerufen und gesagt, 'Herr Kollark, was hab' ich Ihnen gesagt?' Also für mich war das klar. Als sie aus der Quali kam, habe ich ihr gesagt, 'Du hast das genau richtig gemacht, Du hast die Gegner verunsichert mit drei weniger guten Würfen. Aber jetzt wird's gut.' Steffi war die einzige, die nicht so viel Druck hatte. Sie war ja vom Kopf her frei.
sportschau.de: Mit Ihnen beiden gehen zwei ausgesprochene Leistungsträgerinnen. Muss man sich um die deutsche Leichtathletik sorgen?
Nerius: Es sieht doch ganz gut aus. Die jetzt hier Medaillen geholt haben, das sind wirklich junge Leute. Im Speerwurf mache ich mir gar keine Sorgen. Mit Christina Obergföll, Linda Stahl und Katharina Molitor, die ja auch die Norm hatte, aber nicht mitkommen konnte, weil wir nur drei schicken durften, sind junge, gute Mädels dabei.
Dietzsch: Nadine Müller hatte hier einen guten Wettkampf. Ich hoffe, dass da noch ein, zwei Frauen den Anschluss finden. Perspektivisch traue ich Nadine noch mehr zu, wenn sie technisch ihre Probleme lösen kann und insgesamt noch ein bisschen an ihrem Krafttraining arbeitet. Sie muss über die Technik gehen, weil sie von Haus aus nicht so ein kräftiger Mensch ist. Wenn sie daran arbeitet, hat sie für mich die besten Voraussetzungen in der Welt. Bei einer Größe von 1,93 m und der Spannweite, die sie mitbringt.
sportschau.de: Wie fällt Ihr Vergleich zwischen Stuttgart 1993 und Berlin 2009 aus?
Nerius: Stuttgart war jeden Tag restlos ausverkauft und rappelvoll. Das war 'ne geile Stimmung. Hier in Berlin ist das Stadion zwar nicht ausverkauft, aber von der Stimmung her ist es ähnlich. Unten im Stadion hat man eigentlich das Gefühl, es wäre ausverkauft. Beides war sensationell toll.
Dietzsch: Das Publikum ist sehr fair, was sehr schön ist. Also nicht nur, wenn die Deutschen dran sind, sondern auch, wenn es darum geht, wer gewinnt. Man hat gesehen, dass die Zuschauer mitgegangen sind.
sportschau.de: Wie geht es jetzt weiter?
Nerius: Ich freue mich auf meine Aufgabe als Trainerin im Behindertensport. Im November sind Weltmeisterschaften, da werde ich dann auch mitfahren. Man wird mich also weiter im Sport sehen.
Dietzsch: Ich weiß es immer noch nicht. Ich weiß, so viel Zeit habe ich nicht. Ich muss mich schon ein bisschen bemühen, dass ich so schnell als möglich irgendwie was finde. Mal gucken.
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