Aus und vorbei: Die Leichtathletik-WM in Berlin ist zu Ende. Neun Tage im August 2009, denkwürdig einige davon. Doch als der Blitz das erste Mal einschlug im Olympiastadion, waren viele Ränge leer geblieben. Preispolitik? Desinteresse? Usain Bolt kümmerte das nicht. 9,58 über 100 Meter - Weltrekord, ein Stückchen Sportgeschichte! Von da an war sie endlich angekommen, die WM in Deutschlands Party-Hauptstadt. Von da an bebten die Ränge, auch wenn manche Reihen leer blieben. Die Athleten störte das nicht. "Unten im Stadion hat man eigentlich das Gefühl, es wäre ausverkauft", meinte Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius. "Wären mehr Leute ins Stadion gekommen", ulkte ARD-Blogger Frank Busemann, "wäre vielleicht das Olympiastadion unter der Druckwelle der Begeisterung zusammengebrochen."
Und Bolt? Machte Faxen. Demonstrierte Lockerheit, Lässigkeit, Überlegenheit. Pulverisierte seinen zweiten Weltrekord - 19,19 über 200 Meter! Winkte und grinste in die Menge, verzauberte mit seinem karibischen Charme. Keine Frage, er war der Liebling der Massen. Die Zuschauer feierten ihn bei jeder Gelegenheit. An seinem 23. Geburtstag sangen 42.000 "Happy Birthday", und der "Charming Boy" imitierte Rührung auf dem Siegerpodest. Eine perfekte Show, ganz offensichtlich auch perfekt in Szene gesetzt von den Marketing-Strategen seines Ausrüsters aus Herzogenaurach. Die verpassten dem Schlaks ein gelbes Leibchen mit der Aufschrift: "Ich bin ein Berlino." Neben der Stadt und den Leuten hat wohl vor allem das Maskottchen es ihm angetan: "Berlino und ich sind Freunde geworden. Wir haben unsere Telefonnummern ausgetauscht", erzählte Bolt, dem Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit am Schlusstag ein fast drei Tonnen schweres Original-Stück der Berliner Mauer mit einem Abbild des Dreifach-Weltmeisters schenkte. Einziger "Schönheitsfehler" der imposanten "Blitz-Bilanz": Mit der Staffel über 4x100 Meter gelang ihm kein Weltrekord. Ansonsten bleibt den Bolt-Fans nur: Sauberkeit ist ihrem Star zu wünschen.
Um die deutsche Leichtathletik indes muss niemandem bange sein. Mit dem Gewinn von neun Medaillen und Rang sechs im Medaillenspiegel gelang der olympischen Kernsportart ein Jahr nach dem Desaster von Peking - mit einer einzigen Bronzemedaille - die Rehabilitierung. Generationswechsel heißt das Zauberwort. Lobinger, Ecker: im Stabhochsprung nicht mehr dabei. Dietzsch: nicht mehr konkurrenzfähig im Diskusring. Nerius: ein filmreifer Abgang mit Gold im Speerwerfen. Kleinert: im reifen Athletenalter von 32 so gut wie nie zuvor. Doch die Jungen drängen nach, Robert Harting voran. Noch nicht 25, aber schon ein Meister der fliegenden Scheibe - und der losen Worte. Lernfähigkeit ist ihm zu wünschen; sportliche Klasse hat er bewiesen. Oder Raul Spank. Gerade 21, schon WM-Dritter im Hochsprung und den Kopf voller guter Ideen hinsichtlich künftiger sportlicher Ziele. Oder Ariane Friedrich, der viele nach ihrer Bronzemedaille ebenfalls im Hochsprung die Rolle der neuen Leitfigur in der verjüngten Nationalmannschaft zutrauen. Oder die Sprintstaffel der Frauen, die Erfahrungsschatz (Wagner, Tschirch) mit jugendlicher Frische (Möllinger, Sailer) vorbildhaft zu kombinieren wusste. Und die vielen, die lernen mussten: Nur mit Biss oder gar ohne vollständige Gesundheit geht es nicht bei einer WM.
Verbands-Funktionäre und Politik sehen daher die WM als Riesenerfolg für die olympische Kernsportart, die in Berlin drei Weltrekorde sah. 400.000 verkaufte Tickets, 518.582 Zuschauer im Stadion, 1,6 Millionen bei den Straßen-Wettbewerben rund um das Brandenburger Tor - die Zahlen sprechen für gute Arbeit des WM-OK. "Berlin ist tatsächlich ein Moment des Aufbruchs in der deutschen Leichtathletik", formulierte DLV-Präsident Clemens Prokop, "We had a good time", so Prokop in Anspielung an den WM-Slogan "Have a good time". Rückenwind erhielt die vor der Veranstaltung von Alt-Star Tim Lobinger als "tot" titulierte Sportart von den Zuschauern am Bildschirm. "Die Einschaltenquoten sind sehr gut - noch besser, als wir es uns gewünscht haben. Wir sind höchst zufrieden", sagte ARD-Teamchef Walter Johannsen. Höchstes Lob spendete auch Weltverbands-Präsident Lamine Diack, der von einer "exzellenten Weltmeisterschaft" sprach. "Berlin", so der Senegalese, "hat in allen Punkten meine Erwartungen erfüllt. Es war wunderschön."
Gold, Silber oder Bronze mit Heimvorteil.[mehr]
Harting, Nerius, Bolt & Co. - 47 Goldmedaillengewinner wurden vom Berliner WM-Publikum gefeiert.[mehr]
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