Doping

Stierblut, Brandy und Designerdrogen: die Dopinggeschichte der Leichtathletik

Bagatsch & Co.: Lebenslänglich nach Wiederholungssünden

"Aller schlechten Dinge sind drei", mochte sich Kugelstoßer Alexander Bagatsch gedacht haben, als er nach seiner dritten bewiesenen Verfehlung lebenslang gesperrt wurde. Bereits 1989 beim Europacup wegen Dopings disqualifiziert, wurde dem Ukrainer 1997 der Weltmeistertitel wegen der Einnahme von Ephedrin aberkannt. Bei der Dopingkontrolle nach dem Gewinn der Halleneuropameisterschaft 2000 fand man das anabole Steroid Metandienon bei dem Unverbesserlichen.

"Schwere Jungs": Einmal ist keinmal

Ebenfalls lebenslänglich gesperrt wurde zuvor Weltrekordhalter Randy Barnes. Die Karriere des amerikanischen Olympiasiegers von 1996 war 1998 nach einem positiven Test auf das Prohormon Androstenedion zuende. Zuvor war Barnes am 7. August 1990 in Malmö/Schweden auf das anabole Steroid Methyltestosteron positiv getestet und für 27 Monate gesperrt worden. Sein Landsmann Mike Stulce, Olympiasieger von 1992, wurde nach einer positiven Dopingprobe 1990 zunächst für zwei Jahre gesperrt. Stulce kam zurück, wurde Hallen-Weltmeister 1993 und holte Bronze bei der WM in Stuttgart 1993. Als ihm dort das DDR-spezifische Anabolikum "STS 646" nachgewiesen wurde, folgte die lebenslange Sperre und die Aberkennung seiner WM-Medaillen.

Zu den deutschen Anabolika-Konsumenten gehören auch die Olympiasieger Udo Beyer (Potsdam/1976) und Ulf Timmermann (Berlin/1988). Das konnte Buch-Autorin und Sport-Pädagogin Brigitte Berendonk in ihrem Aufsehen erregenden Werk "Doping - Von der Forschung zum Betrug" (Heidelberg 1991) anhand von vormals geheimen Unterlagen aus der Militärmedizinischen Akademie Bad Saarow dokumentieren. Demzufolge steigerte Timmermann seine Jahresbestleistung im Olympiajahr 1984 als 22-Jähriger auf 21,75 m. Von 1981 bis 1984 wurde den Aufzeichnungen zufolge bei Timmermann die Jahresgesamtmenge an Oral-Turinabol von 2.235 auf 3.325 mg gesteigert.

Schwaches Geschlecht - stark gedopt

Vier Tage nach ihrem Kugelstoß-Triumph im antiken Olympia 2004 wurde der Russin Irina Korschanenko am 22.08.2004 die Einnahme des anabolen Steroids Stanozolol nachgewiesen. "Ich bin absolut sicher, dass ich keine Dopingmittel benutzt habe", gab die damals 30-Jährige trotz der Analysen zum Besten. Ihr Gold musste sie zurückgeben. Wiederholungstäterin Korschanenko, die bereits 1999 als Hallen-Vizeweltmeisterin wegen Dopings nachträglich disqualifiziert und für zwei Jahre gesperrt worden war, wurde im September 2005 - nach Rang fünf bei der WM in Helsinki - vom Weltverband IAAF lebenslänglich gesperrt.

Der Hallen-Weltmeisterin 1999 und 2004, Wita Pawlitsch (Ukraine), langjährige Konkurrentin von Astrid Kumbernuss, wurden wegen Dopings mit Stanozolol später beide Titel aberkannt. Die Europameisterin von 1998 wurde 2004 lebenslang gesperrt. Ihren Titel als Hallen-Weltmeisterin 1995 musste auch Larissa Peleschenko (Russland) zurückgeben. Sie wurde im Februar 1995 wegen Dopings für vier Jahre gesperrt und holte danach Olympia-Silber 2000 in Sydney sowie Gold bei den Hallen-Weltmeisterschaften 2001 in Lissabon. Die weißrussische Olympiasiegerin von Sydney 2000, Janina Koroltschik, wurde beim DLV-Meeting in Dortmund am 15. Juni 2003 auf das Kälbermastmittel Clenbuterol positiv getestet - zwei Jahre Sperre.

Mit OT zum Olympiasieg

Die Kugelstoß-Olympiasiegerin von 1968 und Olympia-Zweite 1972, Margitta Gummel (Magdeburg), wurde durch die Dokumentation Berendonks als Dopingsünderin entlarvt. Danach hatte Gummel - die erste Deutsche, die die 18-m-/19-m- und 20-m-Marke übertraf - vor den Olympischen Spielen 1968 über drei Monate hinweg täglich 10 mg Oral-Turinabol genommen. Die Aufnahme Gummels als persönliches Mitglied in das deutsche NOK wurde nach den Enthüllungen Berendonks rückgängig gemacht.

Der erste öffentlich gewordene Dopingbefund eines DDR-Sportlers überhaupt war 1977 der von Kugelstoßerin Ilona Slupianek. Die Berlinerin war bei ihrem Europacup-Sieg in Helsinki positiv getestet und trotz Einflussnahme höchster politischer DDR-Gremien gesperrt, aber ein Jahr später wieder begnadigt worden. Bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau gewann Slupianek (verh. Briesenick) Gold im Kugelstoßen, nachdem sie Mitte Mai in Potsdam mit 22,45 m einen Fabel-Weltrekord aufgestellt hatte, der noch heute die DLV-Rekordliste "schmückt". Slupianek-Briesenick räumte nach der Wende in der Berliner Morgenpost die Einnahme von Dopingsubstanzen ein. Mit 2.615 Milligramm Oral-Turinabol lag ihre Jahresdosis im Olympiajahr 1984 demnach am höchsten. Sie bereue nichts, sagte die heute 52-Jährige 1993 laut der "Süddeutschen Zeitung". Im Spitzensport werde es Betrug immer geben.

Der Fall Krieger: Geschlechtsumwandlung nach Testosterin-Doping

Eine ähnlich hohe Dosis - nämlich 2.590 Milligramm - wurde Kugelstoßerin Heidi Krieger vom SC Dynamo Berlin verabreicht. 1986 holte sie - in Abwesenheit von Slupianek - in Stuttgart den Europameister-Titel mit 21,10 m. "Ich ahnte, daß die Mittel nicht sauber waren", sagte Krieger später. Dann verstärkten sich die gesundheitlichen Probleme. Rücken- und Muskelschmerzen verfolgten sie dauerhaft, psychische Probleme gesellten sich dazu. Längst fühlte sich Krieger in ihrem Körper unwohl. Mädchenhaftes Verhalten war ihr fremd, Transsexualität auch - noch. 1991 das Ende ihrer sportlichen Karriere - nach Operationen an Hüfte und Knie. Als sie in Brigitte Berendonks Doping-Enthüllungsbuch als "Hormon-Heidi" auftauchte, begab sich Krieger immer öfter in psychologische Behandlung, auch wegen Suizidgefahr. 1997, nachdem sie einen Transsexuellen kennengelernt hatte, ließ sie sich Gebärmutter, Eierstöcke und Brüste entfernen. Aus Heidi wurde Andreas. Zwar sehe er die Doping-Einnahme nicht als Ursache seiner Transsexualität an, aber: "Sie hat die Neigung verstärkt", sagte Krieger der "Ärzte-Zeitung". Krieger macht den ehemaligen DDR-Ärzten den Vorwurf, seine Probleme ignoriert zu haben. "Sie hätten die Ampel auf Rot stellen müssen".

Heute kämpft Krieger für Gerechtigkeit. Seine EM-Goldmedaille hat er zurückgegeben und für den Kampf gegen Dopingmissbrauch gestiftet. Die 1999 gegründete Privatinitiative "Doping-Opfer-Hilfe", deren Beiratsmitglied Krieger war, zeichnet Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit dem europaweit einzigen Antidopingpreis - dem "Heidi-Krieger-Preis" - aus. Preisträgerin 2007 war zuletzt Sprinterin Anne-Kathrin Elbe, deren Aussagen im Jahr zuvor zur Verurteilung des Magdeburger Sprinttrainers Thomas Springstein wegen Minderjährigendopings geführt hatten. 2009 wird der Preis während der WM in Berlin an je zwei Trainer aus dem Sport der ehemaligen DDR und der Bundesrepublik vergeben.

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