Was macht eigentlich... Siegfried Wentz?

Schlüsselbad Klinik Bad Peterstal-Griesbach (Chefarzt: Dr. Siegfried Wentz) © Schlüsselbad Klinik Bad Peterstal-Griesbach
große Bildversion anzeigen Schwarzwald-Idylle pur: Die Schlüsselbad Klinik in Bad Peterstal-Griesbach.

Idylle muss einen großen Stellenwert haben für Dr. med. Siegfried Wentz. Das Gesundheits- und Wanderparadies Bad Peterstal-Griesbach im Schwarzwald steht laut Eigenwerbung "für einen unvergesslichen Aufenthalt". Hier wirkt Wentz, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie für Rheumatologie, als Leiter einer Reha-Klinik, die auf die Nachversorgung nach Bandscheibenoperationen, Hüft- und Knie-Endoprothesen spezialisiert ist. "Orthopädie und Sportmedizin", findet Wentz, "sind miteinander verknüpft." In seinem Tätigkeitsfeld komme ihm handwerkliches Interesse und Geschick entgegen, das er schon beim Zehnkampf zu aktiven Zeiten mitbrachte. Auch von Sportverletzungen weiß Wentz aus eigener Anschauung zu berichten. Ein Wadenbeinbruch, mehrere Rippenbrüche und "ein paar ausgeschlagene Zähne" begleiteten seine Karriere ebenso wie Muskel- und Sehnenverletzungen. "Ganz schwere Verletzungen hatte ich zum Glück nicht - eher normale Blessuren", resümiert der heute 49-Jährige, den ein Bänderriss beim Freizeit-Kick um die Olympia-Teilnahme 1988 brachte: der Anfang vom Ende einer Laufbahn, die im WM-Silber von Rom 1987 hinter Überraschungssieger Torsten Voss aus Schwerin ihren nominellen Höhepunkt fand.

Schwitzen im dritten Diskus-Durchgang

Zehnkämpfer Siegfried Wentz beim Diskuswurf © rheinruhr-foto / Gustav Schröder
große Bildversion anzeigen Konzentration, Koordination, Kraft: auch für Siggi Wentz Voraussetzungen für einen guten Wurf.

Für Wentz selbst hat allerdings der Gewinn der Junioren-Europameisterschaft 1979 im polnischen Bydgoszcz einen höheren Erinnerungswert. "Das war eine Super-Geschichte, der Start von allem", schwärmt der gebürtige Franke, "ein Riesenerlebnis, sich erstmals auch international zu messen." Unvergessen ist für Wentz auch sein legendärer 8.762-Punkte-Zehnkampf (nach heutiger Wertung) am 4./.5. Juni 1983 in Bernhausen hinter Jürgen Hingsen, der damals Weltrekord erzielte. Nicht des herausragenden Ergebnisses wegen - das ihn immer noch auf Rang zehn der "ewigen" Weltbestenliste sieht -, sondern weil er erst im dritten und letzten Durchgang des Diskuswerfens mit 46,90 Metern eine für ihn adäquate Leistung ablieferte. "So habe ich selten geschwitzt", gesteht Wentz und nennt jenes Erlebnis "nervlich und emotional einen der Höhepunkte" seiner 50 Zehnkämpfe umfassenden Laufbahn, in der er noch im selben Jahr die Bronzemedaille bei der WM in Helsinki gewann. "Das Stadion stand kopf", schildert Wentz seine Auseinandersetzung mit dem bekannt wurfgewaltigen DDR-Konkurrenten Uwe Freimuth, als er dessen Angriff auf die Bronzemedaille mit 75,08 Metern im Speerwurf abwehren konnte. Als "einfach sensationell" bezeichnet der Ex-Zehnkämpfer die oft gerühmte Stimmung von Stuttgart bei der EM 1986, wo er - wie zuvor bei den Olympischen Spielen 1984 - erneut Bronze gewann.

Kronprinz in der Königsdisziplin

Siegerehrung bei den Olympischen Spielen 1984: Jürgen Hingsen, Daley Thompson, Siegfried Wentz (v.l.n.r.) © picture-alliance / dpa
große Bildversion anzeigen Olympia-Bronze 1984 für den "Kronprinzen in der Königsdisziplin", Siegfried Wentz (re.).

Dass er zeit seiner Karriere in dem britischen Olympiasieger Daley Thompson und dessen deutschen Herausforderer Jürgen Hingsen Konkurrenten hatte, die bei internationalen Meisterschaften oft die Nase vor ihm hatten, habe zwar seinen Ehrgeiz angestachelt, aber: "Ich habe beide mal geschlagen", betont der "Kronprinz in der Königsdisziplin" - wie ihn die "Stuttgarter Zeitung" nannte -, "beide waren zwei Jahre älter und einen Tick stärker als ich. Mir war es lieber, der Bronzemann zu sein als mit schwächeren Leistungen vorn zu sein", argumentiert Wentz auch im Sinne der "Fangemeinde", denen die Zehnkämpfer "zwei Tage Erlebnispark" böten mit spannenden Wettkämpfen, in denen es hin und her gehe und immer etwas passieren könne. "Im Weitsprung kannst Du mal einen Supertag haben", beschreibt der ehemalige Modellathlet aus Mainz die Faszination seiner Disziplin, "aber der Zehnkampf ist kein Zufall, sondern die Addition von guter Vorbereitung und möglichst perfekter Performance gleich zehnmal in Folge".

Nähe und Distanz

Chefarzt Dr. Siegfried Wentz und "Patienten" © Stephan Hund / Schlüsselbad Klinik Bad Peterstal-Griesbach
große Bildversion anzeigen Mitglieder des deutschen Zehnkampf-Teams zur "Olympiakur" 2008 bei Chefarzt Dr. Siegfried Wentz (re.)

Kaum verwunderlich also, dass der dreifache Familienvater auch nach Karriereende und einhergehendem Wechsel ins Berufsleben seinem Sport verbunden blieb: Als Präsident des deutschen Zehnkampf-Teams engagierte sich der promovierte Mediziner zu Wendezeiten maßgeblich für den künftig dopingfreien Zehnkampf. "Wir, auch die ehemals Schuldigen, verurteilen heute Dopingvergehen auf das schärfste", heißt es in der auch von Wentz mit unterzeichneten Bad Nauheimer Erklärung vom Oktober 1991, die um Rückgewinnung von Glaubwürdigkeit des in Verruf geratenen Hochleistungssports warb. Immer mal wieder finden sich bis heute Athleten der deutschen Spitzenklasse zu Reha-Maßnahmen oder aktiver Regeneration bei Wentz in der Klinik ein, so im vergangenen Herbst die Zehnkämpfer zu einer "Olympiakur". Dennoch blickt der Chefarzt als "nicht ambitionierter Seniorensportler", der gelegentlich schwimmt, joggt oder Rad fährt, inzwischen eher aus der Distanz auf seinen Sport, dessen Wertigkeit damals höher gewesen sei: "Leichtathletik im Fernsehen - früher war das was", meint Wentz und bedauert die Schnelllebigkeit in der Schwemme des vielfältigen Live-Programms. "Nachhaltigkeit halte ich für schwierig", antwortet der ehemalige "Easy Rider vom Remstal" ("Stuttgarter Zeitung"), der auch heute noch gern seine 660er Enduro spazieren fährt, auf die Frage nach möglichen positiven Auswirkungen der WM für die Leichtathletik im Lande. Vielleicht auch deshalb zieht Wentz zur WM-Zeit Urlaub in Spanien einem Besuch des Olympiastadions vor. Fern-sehen kann mitunter auch idyllisch sein.

Autorin/Autor: Andreas Schlebach, NDR Online
Stand: 17.06.2009 20:30
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