Schön, schnell, grazil: Wer sie sieht, erliegt ihrem Zauber. Mit leichtfüßiger Eleganz erobert US-Sprinterin Wilma Rudolph die Herzen der Fans - und drei Goldmedaillen.
Von ihrem anrührenden Schicksal aus Kindertagen ist nichts mehr zu sehen. Dass sie als kränkliches "Frühchen" zur Welt kommt, gerade einmal zwei Kilogramm wiegt, an Kinderlähmung, Lungenentzündung und schließlich auch noch an Scharlach erkrankt: All das ahnt man nicht angesichts der Grazie, mit der sich die 20-Jährige im Olympiastadion von Rom bewegt. Zwei Jahre ihrer Kindheit verbringt die kleine Wilma im Bett. Erst mit sechs kann das 20. von 22 Kindern einer ärmlichen Familie in Tennessee wieder laufen - aber nur mit einer Schiene.
Langsam und dank aufopfernder Hilfe ihrer Geschwister, die sie Tag für Tag massieren, kann sich Wilma von ihrem Handicap befreien. Sie ist elf Jahre alt, als ihre Mutter sie eines Tages Basketball spielen sieht - und erstaunt ist von den Fähigkeiten der jungen Wilma. Diese macht nicht nur unter dem Korb eine gute Figur - sie entdeckt dabei auch ihre Lust am Laufen. Die erkennt auch Leichtathletik-Coach Ed Temple, der die Schülerin betreut und ihre Stärken fördert. Für Wilma wird Laufen zur Befreiung, regelrecht zum Rausch. 16-jährig holt sie über 4x100 Meter Staffel-Bronze bei den Olympischen Spielen 1956.
Schon vor ihrem Auftritt in Rom schreibt Wilma Sportgeschichte: Bei den US-Meisterschaften am 9. Juli 1960 in Corpus Christie (Texas) pulverisiert sie den 200-m-Weltrekord von Betty Cuthbert (23,2) und erzielt als erste Frau der Welt in 22,9 eine Zeit unter 23 Sekunden. Später in Rom wird sie ihrer Favoritenrolle mit der spielerischen Leichtigkeit gerecht, die die Menschen an ihr fasziniert. Am Vorabend des 100-Meter-Finals verstaucht sie sich noch den Knöchel - und triumphiert trotzdem im Finale. In 11,0 Sekunden. Weltrekord, hätte der Wind nicht mit 2,47 Metern pro Sekunde heftiger geblasen als die Regeln erlauben (2 m/s). Doch das ficht Wilma Rudolph nicht an: "War ich nicht schneller als der Wind?", fragt sie mit einem Lächeln.
Ein Jahr nach ihrem 100-m-Weltrekord von Stuttgart (11,2) und nur zwei Jahre nach den Spielen von Rom beendet Wilma Rudolph ihre kurze, erfolgreiche Karriere. Vier Kindern schenkt sie das Leben. 1974 wird sie als erste Schwarze in die Hall of Fame der US-Leichtathleten aufgenommen. Die von ihr ins Leben gerufene Wilma-Rudolph-Stiftung unterstützt schwarze Nachwuchsathletinnen. 54-jährig stirbt sie in Nashville (Tennessee) an einem Gehirntumor.
Historische Wettkampf-Kulissen versprühen ein Flair wie noch nie.[mehr]
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