Jürgen Hingsen ist ein Kerl wie ein Baum. Nach außen wirkt der ehemalige Zehnkämpfer, als könnte ihn nichts umwerfen. Wird der 117 Kilo schwere Zwei-Meter-Koloss jedoch auf den Morgen des 28. Septembers 1988 angesprochen, würde der 50-Jährige auch fast 20 Jahre später am liebsten die Flucht antreten. Zu tief sitzt die schmerzhafte Erinnerung an seinen Fauxpas bei den Olympischen Spielen in Seoul. Nach drei Fehlstarts beim 100-m-Lauf wird er gleich bei der ersten von zehn Disziplinen disqualifiziert - und zum Buhmann der Nation. Kübelweise regnet es für den einstigen Publikumsliebling Spott und Hohn. "Ich habe heute noch Albträume und glaube, 100 Meter laufen zu müssen", gibt der Duisburger einen Einblick in sein Seelenleben. Der heute in München wohnende Hingsen versichert, damals habe ihn die Angst vor den nächsten Disziplinen angesichts des lädierten Knies in Panik versetzt, aus der die Fehlstarts resultiert hätten.
Die Gerüchte, er habe die Fehlstarts einen Tag nach dem Dopingfall um 100-m-Olympiasieger Ben Johnson mit Absicht provoziert, um einer drohenden Dopingkontrolle zu entgehen, regen ihn noch heute auf. "Das ist reiner Blödsinn", schimpft Hingsen, der mit 8.832 Punkten noch immer den deutschen Rekord hält. Obwohl der Versicherungsmakler seine Karriere im Sommer 1989 beendet, verfolgt ihn das Drama bis heute. "Mich sprechen auch Geschäftspartner noch darauf an", ärgert sich Hingsen, der mittlerweile rund 15 Kilo mehr auf den Rippen hat ("zu wenig Zeit für Sport") als zu seiner großen Zeit.
Beim weltgrößten Industrie-Versicherungsmakler (AON), der 1.800 seiner 50.000 Mitarbeiter in Deutschland hat, baute er den Bereich Sport-Media-Entertainment auf und will neue Geschäftsfelder eröffnen: "Meine früheren Erfolge und die guten Kontakte öffnen mir viele Türen." So habe er 90 Prozent der Fußball-Nationalmannschaft und viele andere Sportstars versichert, bei der Fußball-WM 2006 auch den Rechteverwerter Infront und die Weltreiterspiele in Aachen. Dieses Jahr wechselte er zu einem großen Konzern in die bayerische Metropole. "Es war ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte", sagt der Olympiazweite von 1984. Einen Umbruch gibt es auch im privaten Bereich. Der blonden Kalifornierin Jeanne Purcell, die er 1983 heiratet, folgt im Kontrast die schwarzhaarige Francesca mit sizilianischen Wurzeln. Von der einstigen Ehefrau ist er seit 2006 geschieden. "Alles verlief im Guten, wir telefonieren öfter", versichert der zweifache Vater. Die älteste Tochter Jacqueline studiert in Hamburg Tourismus und Event-Management, die jüngere Alexandra lebt bei der Mutter, die laut Hingsen inzwischen mit dem Obersten Richter von Santa Barbara liiert ist.
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